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Rezensionen

Hyperaktivität

Passolt, Michael (Hrsg.): Hyperaktivität zwischen Psychoanalyse, Neurobiologie und Systemtheorie. München 2001

Passolt: HyperaktivitätSo verwirrend, verstörend wie das "Blaue Segment" Kandinskys, das dieses Buch auf der Titelseite schmückt, erleben wir oft nicht nur die betroffenen Kinder, sondern auch die Diskussion um "Hyperaktivität", in der z.B. unterschiedliche Terminologien nebeneinander und durcheinander verwendet werden, in der - so Hans VON LÜPKE auf S. 113 - "immer wieder neue Begriffe mit dem Anspruch auf neue Erkenntnisse und Behandlungsmöglichkeiten auftauchen".
Vernünftigerweise ist der Titel des Buches so gewählt, dass gar nicht erst das Missverständnis aufkommen kann, man hätte es hier mit einem der zahlreichen "Ratgeber" zu tun, die es mittlerweile zu diesem Themenkomplex auf dem Markt gibt. Es setzt beim Leser die Muße und Bereitschaft voraus, den Autoren und Autorinnen auf ihrem Weg zu folgen, ein Verständnis für "Hyperaktivität" auf dem Hintergrund unterschiedlicher theoretischer Bezugssysteme zu entfalten.
Das Spektrum der Beiträge, für die der Herausgeber ausgewiesene Fachleute gewinnen konnte, reicht von "Hyperaktivität aus der Sicht der Heilpädagogischen Anthropologie" (Dieter MATTER) über psychoanalytisch orientierte Ansätze - "Hyperaktivität aus der Sicht der Psychoanalytischen Pädagogik" (Manfred GERSPACH), "Körperbild, Identität und Objektbeziehungen - Das Bild des eigenen Körpers als Beziehungsangebot" (Michael GÜNTER) und "Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung - Syndrom oder Symptom? Erfahrungen aus der psychoanalytischen Arbeit mit HKS-Kindern und ihren Familien" (Jochen STORK, Werner HÜTTL, Anna-Luise THALER) - bis zu systemtheoretischen Beiträgen von Rolf BALGO und Regina KLAES ("Über die Koordination von Verschiedenheit. Hyperaktivität als Problem und Bewegungstherapie als lösungsorientiertes Angebot - Eine systemische Perspektive") und Hans Adolf BURMEISTER ("Das Verständnis von Hyperaktivität aus sytemtheoretischer Perspektive"). Die Artikel "Im Dialog mit hyperaktiven Kindern - Psychomotorische Therapie im Netzwerk von Alltag, Schule und Gesellschaft" (Michael PASSOLT), "Hyperaktivität zwischen Stoffwechselstörung und Psychodynamik" (Hans VON LÜPKE) und "Rhythmische Strukturen in Entwicklungsprozessen" von Andreas WÖLFL bringen weitere Perspektiven in die Diskussion ein.
Das Verbindende dieser durchgängig sehr dichten, nicht unbedingt leicht zu "konsumierenden" Texte sieht der Herausgeber im "Hinzufügen von Möglichkeiten des Verstehens von Hyperaktivität'" (S. 11). "Die Vielfalt, das Mosaik von Persönlichkeit und Subjektentwicklung unter den unterschiedlichsten Entwicklungsbedingungen" (S.11) soll ins Blickfeld geraten. Wer sich für dieses Buch Zeit nimmt, wird Irritationen ertragen müssen, aber seinen Reflexionsstand in Bezug auf "Hyperaktivität", die betroffenen Kinder und nicht zuletzt den eigenen Umgang mit diesem im pädagogischen Alltag so "lästigen" Phänomen erweitern können.

Aus: Sonderpädagogische Förderung in NRW, H. 4/2001


Verlag: Reinhardt | Preis: 20, 35 EUR | Rezensent: Klaus Beyer-Dannert
Bewertung :

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Passolt: Hyperaktivität

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