sonderpaedagoge.de

Rezensionen

Grundlagen

Brezinka, Wolfgang: Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel. München 2003

Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel"In den modernen Gesellschaften vollzieht sich ein schneller Kulturwandel. Von ihm sind nicht nur Wissenschaften, Technik und Wirtschaft betroffen, sondern auch die normgebenden Kulturgüter wie Religion, Weltanschauung, Geschichtsbild, Moral, Recht, Sitte und Kunst."
Diese Worte aus der Pressemitteilung des Reinhardt-Verlags zum hier vorgestellten Buch weisen schon recht deutlich den Weg, den der Verfasser zu gehen gedenkt. "Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel" empfiehlt sich als Orientierungshilfe für Erziehung und Bildungspolitik.
Der Autor lehrte in seiner aktiven Zeit Erziehungswissenschaft in Insbruck, Würzburg und Konstanz und hat bereits zahlreiche Schriften zum Thema veröffentlicht. BREZINKAs Anliegen ist u.a. die Kritik an den Irrwegen der Erziehungswissenschaft. Ein edles Anliegen, welches leider zu selten den Weg in die Öffentlichkeit findet.

Auf welcher Basis ruht diese Kritik und die Vorschläge zur Veränderung? BREZINKA bezeichnet seinen Standpunkt selbst als "neo-konservativ" (14), eine Einstellung, die erstaunlicherweise in der Pädagogik selten anzutreffen ist. So fordert der Autor anachronistisch klingende Eigenschaften wie "gute Gesinnung, Glaubensüberzeugungen und Tugend" (ebd.) wieder in die praktische Ausübung erzieherischen Handelns einfließen zu lassen. Man sollte vor diesen Begriffen jedoch nicht zurückschrecken, stehen sie doch beinahe synonym für populärer klingende Worte wie "demokratische Grundüberzeugung" oder "moralisches Handeln".
Wer die gesellschaftlichen Strömungen in der letzten Zeit beobachtet hat, wird feststellen, dass der Ruf nach einer "Werte-Erziehung" lauter geworden ist. Möglicherweise sind zu viele enttäuscht von den bildungspolitischen und erziehungswissenschaftlichen Idealen der 70er und 80er Jahre, die letztlich auch nichts besser gemacht haben (siehe PISA: schlechter). Es ist also an der Zeit für Vertreter einer konservativen Pädagogik, welche den Wert von Tradition, Glauben und Moralerziehung propagieren und sich auf einen abendländischen Wertekanon berufen. Erneut: es klingt anachronistisch, aber viele Gedanken, die BREZINKA äußert, regen durchaus zum Denken an. So spricht er von einer Krise der gesellschaftlichen Normen und Institutionen, "die auf Zustimmung, Gehorsam und Dienstbereitschaft der Bürger angewiesen sind." (21). Zustimmung, Gehorsam und Dienstbereitschaft? In welchen Zeiten leben wir denn? - In Zeiten, in denen man sich gegen unterdrückenden Gehorsam und freudlose Dienstbereitschaft positioniert, gleichzeitig jedoch einsieht, dass die Welt nicht antiautoritär funktionieren kann.

BREZINKA regt zum Denken an, aber die Gedanken werden oft auch lauten: der Mann vergisst einfach auch viele Dinge. So sieht er die Religion als wichtige Basis für die Erziehung zur Moralität, erkennt auch das gemeinschaftsbildende Element der Religion, verkennt dabei jedoch die religiöse Pluralität in unserer Gesellschaft; BREZINKAs Denken ist zu sehr auf die traditionelle (west)europäische Gesellschaft ausgerichtet, die wir so schon lange nicht mehr haben. Genau da ist auch der Knackpunkt zu sehen: nichts gegen konservatives Gedankengut auch in der Erziehungswissenschaft. Wenn dieses Gedankengut jedoch auf nicht vorhandenen Voraussetzungen basiert, wird es obsolet.

"Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel" ist nicht uninteressant und regt, wie schon erwähnt, zum Denken an. Für ein als wissenschaftlich eingeordnetes Buch sind die Theorien und Vorschläge BREZINKAs jedoch zu wenig flexibel und zu einseitig. Somit nur Mittelmaß - unterer Durchschnitt jedoch auf Grund des völlig übertriebenen Preises (Taschenbuchformat bei 185 Seiten).


Verlag: Reinhardt | Preis: 33,00 EUR | Rezensent: Sebastian Barsch
Bewertung :

Bei Amazon bestellen:
Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel

.

 

Übersicht Rezensionen