sonderpaedagoge.de

Rezensionen

Bioethik

Dederich, Markus (Hrsg.): Bioethik und Behinderung. Bad Heilbrunn 2003

Bioethik und BehinderungEnde der 80er Jahre begann die Heilpädagogik damit, sich intensiv mit Fragestellungen der sogenannten Bioethik zu befassen, ein Bereich, der bis dahin in unserer Disziplin weitgehend unbeachtet geblieben war. Auslöser waren die Thesen des australischen Bioethikers Peter SINGER, welche dieser auf Basis medizinischer Praxis zum menschlichen Behindertensein aufgestellt hatte.

Nicht nur SINGER selbst, auch der gesamten Bioethik wurde damals schnell der Vorwurf der Behindertenfeindlichkeit gemacht. Die Heilpäda-gogik positionierte sich in einer Art Fundamentalposition zur Bioethik, um den befürchteten schwerwiegenden Verschlechterungen der Situation behinderter Menschen entgegen zu treten.

Die hier knapp umrissenen Befürchtungen und Vorwürfe werden in der Heilpädagogik größtenteils aufrecht gehalten. So spricht der Klappentext des vorliegenden Buches, welches eine Reihe namhafter Heilpädagogen zu bioethischen Themen Stellung beziehen lässt, davon, dass die Bioethik von einer Negativbewertung menschlichen Behindertenseins ausgehe und somit immer auch Selektion und Exklusion von Menschen mit Behinderung impliziere oder intendiere. Die Kritik wiegt also nach wie vor schwer. Sie wird allerdings deutlich sachlicher formuliert, als dies noch vor wenigen Jahren der Fall gewesen ist. Es scheint nicht mehr die grundsätzliche Be-kämpfung der Bioethik im Vordergrund zu stehen. DEDERICH spricht von der Notwendigkeit, die Bioethik "von einer tendenziell affirmativen zu einer kritischen Disziplin" weiterzuentwickeln. Diese Weiterentwicklung sollte dabei natürlich unter Berücksichtigung einer behindertenpädagogischen Perspektive erfolgen.

Welche Kriterien für eine solche Weiterentwicklung zu beachten sind, zeigen die Autoren anhand in der Diskussion zentraler Fragestellungen auf. Mit Georg ANTOR, Ulrich BLEIDICK, Dieter GRÖSCHKE, Wolfgang JANTZEN, Emil E. KOBI, Therese NEUER-MIEBACH, Martina SCHLÜTER, Otto SPECK und Anne WALDSCHMIDT versammelt der Herausgeber, der natürlich auch selbst einen Beitrag (und die Einleitung) beisteuert, eine Reihe namhafter Vertreter der Heilpädagogik. Sie allen haben sich schön mehrfach in die Debatte um die Bioethik eingeschaltet. Jeder Autor setzt sich dabei mit einem bestimmten Themenkomplex auseinander, der dem Spannungsfeld Heilpädagogik Bioethik entnommen ist. Meist handelt es sich dabei um sehr spezielle Fragestellungen. So setzt sich JANTZEN in seinem Beitrag (der bereits 2001 in der Zeitschrift Forum Wissenschaft veröffentlicht worden ist) mit der Debatte um den moralischen Status des menschlichen Embryos auseinander, eine Frage, die gerade in der jüngs-ten Auseinandersetzungen um die Präimplantationsdiagnostik zu zentraler Bedeutung gekommen ist.

ANTOR schlägt in seinem Beitrag zum Begriff und v.a. der Reichweite der Menschenwürde eine ähnliche Richtung ein, denn er fokussiert seinen Gedankengang gerade auf die Zusprechung der Menschenwürde in vorgeburtlichen Stadien.

BLEIDICK stellt einmal mehr den Begriff der Person bzw. der Personalität in den Mittelpunkt seiner Überlegungen und greift damit einen der Kernpunkte der Debatte auf. Diese Beispiele mögen genügen, um den Leser einen Eindruck davon vermittelt, was ihn bei der Lektüre des Buches erwartet.

Was mir nach der Lektüre fehlt, ist das in der Einleitung angesprochene "Resümee der bisherigen Debatte" (13). Jeder Autor wendet sich einer speziellen Fragestellung zu und behandelt diese ausführlich. Eine Reflexion der mittlerweile über eine Dekade währenden Auseinandersetzung der Heilpädagogik mit Fragen der Bioethik findet dagegen kaum statt. Dabei wäre genau das sehr interessant gewesen, wenn man sich vor Augen hält, wie deutlich sich der Stil der Debatte von 1989 bis heute verändert hat. Auch wäre es sicherlich interessant gewesen zu fragen, inwieweit es der Heilpädagogik gelungen ist, Einfluss auf die Bioethik-Debatte zu nehmen und ihren Positionen ein öffentlich Forum zu verschaffen. Vielleicht wäre es auch sinnvoll gewesen, Vertreter anderer Disziplinen (z.B. ausgewiesene "Bioethiker") für einen Beitrag zum Thema zu gewinnen. Das hätte dem Buch einen etwas dialogischeren Charakter geben können. So scheint es, als blieben die Heilpädagogen mit ihren Ansichten lieber unter sich, ohne sich einer diskursiven Auseinandersetzung zu stellen.

So bleibt nach der Lektüre des vorliegenden Buches ein etwas zwiespältiger Eindruck und das Gefühl, das mit diesem Buch nicht die Chancen genutzt worden sind, welche die Thematik bietet.


Verlag: Klinkhardt | Preis: 19,00 EUR | Rezensent: Tim Bendokat
Bewertung :

Bei Amazon bestellen:
Bioethik und Behinderung

.

 

Übersicht Rezensionen