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Ethik

Leonhardt, Annette (Hg.): Wie perfekt muss der Mensch sein? Behinderung, molekulare Medizin und Ethik. München 2004

Wie perfekt muss der Mensch sein?Ein solches Buch war schon lange überfällig. Endlich einmal wagt die Heil- und Sonderpädagogik beim Thema Ethik/ Bioethik den Blick über den eigenen Tellerrand und tritt in den Dialog mit Vertretern anderer Disziplinen, deren Positionen nicht immer nach dem Geschmack vieler Heilpädagogen sein dürften. Das vorliegende Buch versammelt die Beiträge einer Veranstaltungsreihe zum Thema "Ethik - Molekulare Medizin - Behinderung", welche von November 2002 bis Juli 2003 an der Ludwig-Maximilians-Universität München stattgefunden hat.

Als Veranstalter fungierte der Lehrstuhl für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik und dessen Inhaberin Prof. Annette Leonhardt, welche als Herausgeberin dieses Buches das Vorwort verfasst. Die Liste der Autoren ist prominent besetzt: Neben Otto Speck (übrigens der einzige Heilpädagoge in diesem Band) treten mit Eberhard Schockenhoff, Jens Geog Reich und Wolfgang van den Daele gleich drei Mitglieder des Nationalen Ethikrates auf. Aber auch die anderen Namen dürften dem einen oder anderen Leser bekannt vorkommen. Das Buch gibt damit Vertretern höchst unterschiedlicher Diszplinen den Rahmen für ihre Positionen vor. Neben der durch Speck vertretenen Heilpädagogik werden z.B. moraltheologische, philosophische, ökonomische, medizinische, juristische und sogar sprachwissenschaftliche Blickwinkel angeführt und erörtert. Auch die Politik findet mit Wolfgang Schäubles Beitrag über die "Grenzen der Machbarkeit" (201 ff.) einen Vertreter.

Diese Vielfalt an Positionen ist es, die das Buch m.E. besonders lesenswert und für jeden an Ethik interessierten Sonderpädagogen zur Pflichtlektüre macht. Die meisten ausschließlich heilpädagogisch besetzten Publikationen zu diesem Thema zeichnen sich dadurch aus, dass die immer gleichen Positionen formuliert werden, wonach die Heilpädagogik den neuen Entwicklungen auf dem Gebiet der Humangenetik/ molekularen Medizin mit Misstrauen und Protest gegenüber zu stehen habe. Schließlich droht nach Ansicht vieler Heilpädagogen durch diese Entwicklungen Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung behinderter Menschen. Diese Position findet sich auch im vorliegenden Buch, vertreten durch Otto Speck, der sich sehr skeptisch gegenüber den neuen Entwicklungen und Möglichkeiten auf dem Gebiet der genetischen Diagnostik positioniert und befürchtet, dass mit diesen Entwicklungen neue Tendenzen der Ausgrenzung und Abwertung behinderter Menschen einhergehen werden. Mit Blick auf die Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik (PID) schreibt Speck: "Es ist dies der Einstieg in die Eugenik und damit in die Unterscheidung von "lebenswert" und "nicht lebenswert" (39).



Dass man zu dieser Thematik auch ein ganz andere Meinung haben kann, wird bei der Lektüre des Buches schnell deutlich. So mag Wolfgang van den Daele nicht so einfach einen Kausalzusammenhang zwischen genetischer Diagnostik und Diskriminierung Behinderter sehen. Vielmehr geht es ihm darum, zwischen einer Ablehnung bzw. Negativwertung von Behinderung und einer tatsächlich Abwertung bzw. Diskriminierung behinderter Menschen genau zu unterscheiden. In diesem Zusammenhang äußert er sich auch kritisch zu den in der Sonderpädagogik oder auch bei den diversen Behindertenverbänden populären Normalisierungstendenzen von Behinderung, welche Nichtbehinderte "höchstens zur Kenntnis aber kaum nachvollziehen, geschweige denn teilen können" (186). Darüber hinaus macht er auf folgenden Sachverhalt aufmerksam: "Es ist anzunehmen, dass auch Behinderte die Behinderungen, von denen sie nicht betroffen sind, nach dem Defizitmodell wahrnehmen. Ein Querschnittgelähmter wird eine drohende Erblindung nicht deshalb als "normal" und nicht als Verlust erleben, weil seine Lähmung für ihn Normalität ist" (ebd.).

Die beiden genannten Beispiele mögen dem Leser als Pole der Spannbreite dienen, innerhalb derer sich die in diesem Buch vertretenen Positionen bewegen. Da es zudem allen Autoren gelingt, ihr Anliegen in einer gut zu lesenden Sprache vorzubringen, kann die Lektüre des vorliegenden Buches nur als gewinnbringend für den interessierten Leser bewertet werden. Es ist m.E. auch nicht erforderlich, vor der Lektüre über ein fundiertes Vorwissen zu verfügen. Vielmehr eignet sich die Machart der Beiträge auch zum Einstieg in die Thematik.

Bleibt abschließend zu sagen: Es handelt sich um ein wichtiges Buch, dem eine große Leserschaft zu wünschen ist!


Verlag: Reinhardt | Preis: 24,90 EUR | Rezensent: Tim Bendokat
Bewertung :

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Wie perfekt muss der Mensch sein?

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