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Erziehungsschwierigenpädagogik

Haug-Schnabel, Gabriele: Aggressionen im Kindergarten. 2. Aufl., Freiburg 1999

Aggressionen im Kindergarten"Es handelt sich bereits im Kleinkindalter bei aggressivem Verhalten immer um die Verteidigung von etwas! Aggressionen ohne Ursache, aus reiner Boshaftigkeit gibt es nicht." (15)
Gleich zu Beginn der Lektüre des Buches wird eines deutlich: es handelt sich hierbei nicht um den pazifistisch-idealistischen Entwurf eines Pädagogikprofessors. Damit ist auch schon ein entscheidender Pluspunkt dieses Buches genannt: Haug-Schnabel reiht sich nicht ein in die mittlerweile weit verbreitete Hysterie, wenn es um den Begriff der Aggression geht. Vielmehr macht sie darauf aufmerksam, dass aggressives Verhalten Teil des menschlichen Verhaltensrepertoires ist, welches durchaus sinnvoll sein kann. "Ohne Aggressionen würde niemand mehr auf seine Bedürfnisse nachhaltig aufmerksam machen können und diese auch erfüllt bekommen, kein Säugling, kein Kleinkind, kein pubertierender oder erwachsener Mensch." (18)
Der im allgemeinen Sprachgebrauch negativ besetzte Begriff wird von der Autorin relativiert, eingereiht in den Kontext sozialen Verhaltens. Dadurch wird er in gewisser Weise auch entschärft, allerdings nicht derart, dass Aggressionen verharmlost werden. Ein Umgang mit diesem Phänomen auch von Seiten der Erzieherinnen und Erzieher ist dann auf positive Weise möglich, wenn Ängste genommen und Normalitäten erklärt werden.
So klärt die Autorin auch über Mythen der Gewalt auf. Plausibel wird dargelegt, dass die gegenwärtige Einstellung zur Gewalt bei Kindern und Jugendlichen nicht wesentlich anders ist als die früherer Zeiten. Die Zahl der Gewalttaten stieg nicht auffallend an, jedoch die Berichterstattung der Medien darüber. Auch scheint die Bevölkerung eher sensibler auf diese Thematik zu reagieren, als dies früher der Fall war.
Das alles soll nicht heißen, dass gravierende Probleme im Umgang mit gewalttätigen und aggressiven Kindern nicht aufgegriffen werden. Die Autorin gibt in ihrem Buch Anregungen, auf das Verhalten der Kinder nicht mit Tabuisierung einzugehen bzw. nur durch strikte, aber nicht weiter begründete Verbote zu reagieren. Aggressionen sind vorhanden, lassen sich aber durch rechtzeitiges pädagogisches Eingreifen in die richtigen Bahnen lenken. Dies kann z.B. durch Spiel erreicht werden: in der spielerischen Aggression besteht die Möglichkeit, dass es "einen mehrmaligen Rollentausch zwischen Verfolger und Verfolgtem geben kann." (81) Das Opfer kann so Täter werden und umgekehrt.
Daneben finden sich zahlreiche weitere Anregungen zum Umgang mit Aggresionen. Es wird aber nicht die Illusion aufgebaut, dass sich alle Probleme auf diese einfache Weise lösen lassen. So ist das abschließende Kapitel auch so tituliert: "Bitte keine zu idealistischen Vorstellungen"

Rundum ist dieses Buch ein lohnenswerter Einstieg in den Themenkomplex "Kindliche Aggression". Es ist angenehm lesbar und vor allem fern jeder Dogmatik. Viele andere Ratgeber setzen auf überholte Ideale, versuchen eine gute heile Welt aufzubauen ohne zwischenmenschliche Probleme. Haug-Schnabel setzt ihre Überlegungen in der Welt an, in der wir leben, mit der wir leben müssen. Auch als Pädagogen.


Verlag: Herder | Preis: 11,00 EUR | Rezensent: Sebastian Barsch
Bewertung :

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