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Rezensionen

Fokus: Sozialgesetze

Kühl, Jürgen (Hrsg.): Frühförderung und SGB IX. Rechtsgrundlagen und praktische Umsetzung. München 2004

Frühförderung und SGB IX"Das SGB IX hat zum Ziel, bisher getrennt gewährte Leistungen aus unterschiedlichen Leistungsgesetzen als einheitliche Leistung zusammenzuführen." (7)
Mit dem neunten Sozialgesetzbuch, welches am 1. Juli 2001 in Kraft trat, wird die Frühförderung in Kopplung mit der Früherkennung als Komplexleistung definiert, welche ein interdisziplinär abgestimmtes System ärztlicher, medizinisch-therapeutischer, psychologischer, heilpädagogischer und sozialpädagogischer Leistungen darstellt. Das hier vorgestellte Buch thematisiert die Auswirkungen dieser neuen Gesetzesgrundlage auf die interdisziplinäre Arbeit und befasst sich mit Chancen, aber auch Problemen, die dadurch entstehen. Darüber hinaus werden verschiedene Vorschläge vorgestellt, wie die schon vorhandenen positiven Ansätzen im Sinne der Interdisziplinarität weiterentwickelt werden können.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. Die Texte im ersten Teil beziehen sich konkret auf das SGB IX, während die weiteren sich mit dringenden Fragen bezüglich der Umsetzung befassen, Wünsche äußern oder Visionen entwerfen.
Zunächst wird geklärt, was das Neue an der Komplexleistung des SGB ist. Karlheinz Jetter vermerkt dazu, dass "Früherkennung und Frühförderung ausdrücklich als eine Leistung zur Sicherung der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft hervorgehoben wird" (14). Er zeichnet darauf hin den Weg nach, den das Sozialgesetzbuch IX seit seinem Arbeitsentwurf im April 2000 genommen hat. So ist zu lesen, dass zahlreiche Eltern- und Fachverbände in dem Entwurf die Chance sahen, dass die Frühförderung in ihrer ganzen Komplexität einheitlich zu verankern und so vor allem, neben der interdisziplinären Charakteristik, auch die Finanzierung von Frühförderungsleistungen aus einer Hand zu sichern. Dieser Zusammenschluss bei der Finanzierung führte jedoch auch zu gewissen Problemen, etwa wenn Früherkennung und Frühförderung zwar "der medizinischen Rehabilitation" (16) zugeordnet werden, Hauptkostenträger heilpädagogischer Leistungen jedoch "nach In-Kraft-Treten des SGB IX die Träger der Sozialhilfe" (17) sind. Zumindest in diesem Punkt mussten also vom eigentlichen Vorhaben der Vereinheitlichung der Kostenträger Abstriche gemacht werden.
Nach dieser grundlegenden Positionierung sprechen verschiedene Autoren die mit dem Gesetz verbundenen Praxisaspekte an. Norbert Müller-Fehling etwa befasst sich mit der Auswirkungen des neuen Gesetzes für die Eltern behinderter Kinder. Ulrike Diehl und Christoph Leyendecker erörtern die Aufgaben von Pädagogen im Rahmen der erforderlichen Teamarbeit, während Christian Fricke sich diesem Aspekt für das medizinische Personal nähert.
Im zweiten Teil des Buches verfolgen Peter Karmann und Günter Kottmann den steinigen Weg zur Interdisziplinarität. Basierend auf der Ausgangslage, dass Interdisziplinarität ein "fachlich unumstrittenes und gesetzlich verankertes Arbeitsprinzip der Frühförderung" (92) ist, zeigen sie den Nutzen dieser Arbeitsform für behinderte Kinder und ihre Eltern. Andere Autoren befassen sich mit den Möglichkeiten alternativer Therapiemethoden und deren Berücksichtigung im SGB, oder thematisieren die Frühförderung von Kindern in Familien mit multiplen Problemlagen.

Mit dem SGB IX wird von gesetzlicher Seite interdisziplinäres Arbeiten gefordert. Während bislang gerade von Heilpädagogen diesbezüglich oft nur Lippenbekenntnisse zu hören waren (schon allein dadurch, dass Heilpädagogen ihr Theoriegebäude oft vehement gegen medizinische Einflüsse zu verteidigen versuchen), zeigen zahlreiche Artikel in diesem Band, welche positiven Ansätze durch interdisziplinäres Arbeiten in der Frühförderung möglich sind. Das Buch "Frühförderung und SGB IX" hilft, bei der Komplexleistung Frühförderung den Überblick zu bewahren. In deutlicher und leicht verständlicher Sprache werden Chancen und Möglichkeiten auf Basis des SGB IX gezeigt und schwierige Zusammenhänge erklärt. Insgesamt handelt es sich dabei um eine sachliche und solide Auseinandersetzung.


Verlag: Reinhardt | Preis: 24,95 EUR | Rezensent: Sebastian Barsch
Bewertung :

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