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Grundlagen

Speck, Otto: Menschen mit geistiger Behinderung. Ein Lehrbuch zur Erziehung und Bildung. 10. überarb. Aufl., München 2005

Menschen mit geistiger BehinderungDas mit über 35.000 verkauften Exemplaren zu den am erfolgreichsten zählenden sonderpädagogischen Fachbüchern berücksichtigt nun in der 10. Auflage die Veränderung wichtiger Rahmenbedingungen in der Behindertenhilfe. Der Erfolg dieses Buches, das mittlerweile auch in japanischer und russischer Übersetzung vorliegt, ist sicher darin begründet, dass Speck ein umfassendes und undogmatisches Bild der vergangenen und gegenwärtigen Situation in der Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung entwirft. Er bezieht Position, ohne den Wert anderer Positionen herabzusetzen und zeigt somit den Weg einer sonderpädagogischen Disziplin im gesellschaftlichen Wandel.

In diese 10. Auflage wurden u.a. Kapitel über die moralische Entwicklung und Qualitätsentwicklung neu aufgenommen, Aspekte wie die Diskussion um den Grundbegriffe der "geistigen Behinderung" und "Bildung" wurden ebenso erweitert wie die Texte über die Herausforderungen der gewandelten ökonomischen, biotechnologischen und ethischen Sichtweisen und Möglichkeiten in der Gesellschaft. Nicht alle Neuerungen jedoch sind gelungen. So verfällt Speck, wie viele andere Autoren in der Heilpädagogik auch, der Versuchung, den Begriff "Bioethik" nahezu gleichzusetzen mit Behindertenfeindlichkeit. Eine angenehme Bodenständigkeit dagegen zeigt er bei der Reflexion des Begriffes "geistige Behinderung" - eine Unternehmung, die Bücher füllen könnte. Während in der jüngeren Vergangenheit heftige Diskussion um eine Bezeichnung für Menschen mit geistiger Behinderung ausgebrochen sind und teilweise die Forderung aufgestellt wurde, von einer besonderen Bezeichnung abzurücken um stigmatisierenden Tendenzen entgegen zu wirken, zeigt Speck die Notwendigkeit von begrifflicher Kennzeichnung einer bestimmten Personengruppe. "Wissenschaftliche Klärungen sind ohne Termini nicht möglich. [...] Zur Unterscheidung von Etwas und einem anderen Etwas muss eine Grenze gezogen werden. [...] Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aus wissenschaftlicher, rechtlicher und organisationaler Sicht es eine Erfordernis bleibt, für sinnvolle und begründete Zwecke hinreichend klare Begriffe zu verwenden und zwar auch international vergleichbare. Wie weit der Vorschlag von Bach (2001) sich umsetzen lässt, statt von "geistiger" von "mentaler" Behinderung zu sprechen, bleibt abzuwarten" (51f.).

"Menschen mit geistiger Behinderung" ist auch in der 10. Auflage ein wertvollen Lehrbuch und Standardwerk sonderpädagogischer Fachliteratur. Gelegentlich bemerkt man an überholten Aussagen zwar, dass das Buch unter anderem Namen erstmalig 1970 erschienen ist. "Da das geistig behinderte Kind relativ lange Zeit über kein Sprechvermögen verfügt, ist der Laie geneigt, eine Spracherziehung in dieser Zeit für nutzlos anzusehen" (262). Solche Pauschalisierungen und Zuschreibungen sind gegenwärtig eher selten. Dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Speck ein solides Standardwerk für Theorie und Praxis vorlegt.


Verlag: Reinhardt | Preis: 29,90 EUR | Rezensent: Sebastian Barsch
Bewertung :

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Menschen mit geistiger Behinderung

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