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Rezensionen

Grundlagen

Harrington, Anne: Die Suche nach Ganzheit. Die Geschichte biologischpsychologischer Ganzheitslehren. Vom Kaiserreich bis zur New-Age-Bewegung. Reinbek bei Hamburg 2002

Die Suche nach GanzheitDer Begriff der „Ganzheit“ bzw. „Ganzheitlichkeit“ darf sicherlich zu den populärsten Modebegriffen innerhalb der Heil- und Sonderpädagogik gerechnet werden. Hält man sich vor Augen, wie häufig man in der Fachliteratur, aber auch in Lehrplänen und Schulprogrammen mit diesem Begriff konfrontiert wird, erscheint klar, dass gute Sonderpädagogik nicht auf Ganzheitlichkeit verzichten kann. Der Begriff scheint eigentlich in der gesamten Pädagogik für Modernität und Qualität zu bürgen, und zwar in Theorie und Praxis. Interessant ist dabei, dass man selten auf eine genaue Klärung des Begriffs stößt. Es scheint aber Konsens darüber zu bestehen, dass „Ganzheitlichkeit“ sich sowohl auf die Ebene des Menschenbildes (der Mensch verstanden als Leib-Seele-Geist-Einheit), als auch auf die Ebene von Didaktik und Methodik („Lernen mit allen Sinnen“, „Unterricht mit Kopf, Herz und Hand“) bezieht. Kritisch hinterfragt wird der Begriff hingegen kaum, vielleicht wird das auch einfach nicht für notwendig gehalten, scheint er doch sowieso für sich zu sprechen.
Dabei handelt es sich um einen Begriff mit einer durchaus spannenden und nicht unproblematischen Geschichte. Anne Harrington, Wissenschaftshistorikerin an der Harvard University, nimmt sich der Entwicklung der Ganzheitlichkeit in der deutschen Wissenschaftsgeschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an und zeichnet diese nach.
Ihren Ausgangspunkt nehmen Harringtons Ausführungen dabei bei einer Vorlesung des Soziologen Max Weber, gehalten an der Universität
München 1918. Weber zeichnete dabei das Bild einer Wissenschaft, deren vorrangige Aufgabe es sei, „die Welt systematisch aller spirituellen Mysterien, emotionaler Farbe und ethischer Bedeutung zu entkleiden und die in einen bloßen „kausalen Mechanismus“
zu verwandeln“ (11). Dieses von Weber und vielen anderen vertretene mechanisch-atomistische Wissenschaftsbild, das auch den Menschen als eine Art Maschine zu verstehen suchte, war es, welches den Grundstein legte für einen Gegenentwurf. Als Grundidee für diesen Gegenentwurf diente die Idee der Ganzheit bzw. Ganzheitlichkeit.
Harrington zeichnet die Entwicklung und Verbreitung des Ganzheits-Denkens nach, stellt dessen bedeutendsten Vertreter vor und unterzieht deren Arbeit und ihre Auswirkungen auf die Wissenschaft einer kritischen, teils entlarvenden Diskussion. Dabei versteht es Harrington, Biographie und Denken der jeweiligen Forscher geschickt miteinander zu verbinden. Im Mittelpunkt ihrer Ausführungen stehen dabei meist Vertreter aus Biologie und Psychologie – beides Disziplinen, in denen das Ganzheits-Konzept weite Verbreitung und großen Einfluss gewann.
Heilpädagogen treten in diesem Buch nicht auf – wer sich jedoch mit der Theoriebildung unseres Faches auskennt, stößt immer mal wieder auf Gedankengänge, die ihm verdächtig bekannt vorkommen werden, da sie in dieser oder ähnlicher Form auch in der heil- und sonderpädagogischen Fachliteratur ausgebreitet werden.
Harringtons Ausführungen zeigen dabei auf, wie leicht die Verfechter der Ganzheitlichkeit sich von einer um Exaktheit bemühte und v.a. empirisch überprüfende und überprüfbare Wissenschaft weg und auf eine eher mythisch angehauchte, teils esoterische Denkrichtung zu bewegten. Ein Schelm, wer darin eine Parallele zu bestimmten Entwicklungen in der Heilpädagogik zu sehen glaubt ...
Bleibt abschließend zu sagen: Auch wenn das vorliegende Buch sich nicht mit explizit heilpädagogischen Fragestellungen befasst, so ist doch jeder Vertreter unseres Faches, der gerne einen Blick hinter die Fassade populärer Begrifflichkeiten wirft, mit der Lektüre von Harringtons Ausführungen sehr gut beraten!


Verlag: Rowohlt | Preis: 19,90 EUR | Rezensent: Tim Bendokat
Bewertung :

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