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Rezensionen

Konfrontative Pädagogik

Weidner, Jens / Kilb, Rainer: Konfrontative Pädagogik. Konfliktbearbeitung in Sozialer Arbeit und Erziehung. Wiesbaden 2004

Konfrontative PädagogikUnter der Überschrift „Härte und Sanktionen statt Empathie und Mitgefühl - Die konfrontative Pädagogik als letzte Chance für die Erziehungshilfe?“ erschien in der Ausgabe 6/2005 der Zeitschrift für Heilpädagogik ein Artikel über die Arbeit einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe, deren Ziel die integrative Beschulung von als „unbeschulbar“ beschriebenen Grundschulkindern ist. Anders als sonst in der Heil- und Sonderpädagogik üblich rief dieser Beitrag Reaktionen der Leser hervor. Im Internet-Forum der Zeitschrift entbrannte eine heftige Kontroverse, in deren Mittelpunkt nicht nur die in dem Artikel vorgestellte Einrichtung sondern auch die konfrontative Pädagogik insgesamt steht.
Nun ist es natürlich sehr zu begrüßen, dass es überhaupt zu einer öffentlich ausgetragenen Debatte gekommen ist, denn dies hat in der Heil- und Sonderpädagogik Seltenheitswert. Das Niveau vieler Beiträge lässt allerdings zu wünschen übrig.
So sieht sich die Schriftleitung der Zeitschrift dem Vorwurf ausgesetzt, sie würde mit der Veröffentlichung dieses Artikels Gefahr laufen „(...) faschistoide Disziplinartechniken wieder hoffähig zu machen und damit einer längst überwunden geglaubten „Pseudopädagogik“ Tür und Tor zu öffnen“ (so die Hamburger Professorin Birgit Herz). Auch in anderen Beiträgen wird der konfrontativen Pädagogik der Vorwurf gemacht, sie verstoße mit ihren Methoden gegen den Schutz der Menschenwürde, sei als faschistisch zu brandmarken. Von massiver Brutalität und Menschenverachtung ist die Rede.
Man muss zugeben, dass der zugrundliegende Artikel solche Reaktionen hervorrufen kann, allerdings ist es sehr kurzsichtig und einer wissenschaftlichen Diskussion unwürdig, auf Basis dieses Artikels zu den oben skizzierten Urteilen über die konfrontative Pädagogik insgesamt zu kommen. Diejenigen, die den Befürwortern der konfrontativen Pädagogik faschistoide Tendenzen und Menschenverachtung vorwerfen, sollten sich zunächst mit dem Gegenstand der Debatte ausreichend auseinander setzen.
Dafür bietet sich z.B. die Lektüre des vorliegenden Buches an. In zwei großen thematischen Abschnitten werden theoretische Grundlagen und praktische Umsetzungssmöglichkeiten der konfrontativen Pädagogik thematisiert. Allen Beiträgen gemeinsam ist der Vorwurf, dass viele gängige Ansätze in der Arbeit mit aggressiven und gewaltbereiten / -tätigen Jugendlichen zu sehr das Verstehen des Verhaltens betonen, somit Gefahr laufen, dem jeweiligen Jugendlichen zu einseitig Verständnis für sein aggressives Verhalten zu signalisieren. Was dieser wiederrum als Legimation deuten könnte. Das eindeutige und konsequente Setzen von Grenzen wird dabei zu sehr vernachlässigt. Als diese dringend notwendige Grenzsetzung praktizierenden Ansatz stellen WEIDNER und KILB die Konfrontative Pädagogik in ihrem Vorwort unter dieses Motto: „(...) den Menschen mögen und verstehen, aber mit seinem (abweichenden bis kriminellen) Handeln nicht einverstanden sein“ (S. 7)! Diesen Grundsatz müsste eigentlich jeder Heil- und Sonderpädagoge, der im Bereich der Erziehungshilfe tätig ist, unterschreiben können. Die Herausgeber führen weiter aus: „Dahinter steht ein Professionalitäts-Verständnis, das – pointiert formuliert – 80% Empathie und 20% Konfrontation (in Konfiktsituationen) ergänzt, eben eine „klare Linie mit Herz“ (ebd.).
Die theoretische Fundierung dieser „klaren Linie mit Herz“ wird in den folgenden Beiträgen näher ausgeführt. Im zweiten Teil werden die Konsequenzen dieser Haltung für die praktische Arbeit anhand verschiedener Konzepte dargelegt. Dabei liegt der Fokus auf der sozialpädagogischen Arbeit. Für Lehrerinnen und Lehrer dürften insbesondere die beiden letzten Texte (von Bert REISSNER – dessen Einrichtung im Mittelpunkt der Kritik in der ZfH-Debatte steht – und Monika JETTER-SCHRÖDER) von vorrangigem Interesse sein.
Anzumerken ist hierbei, dass die Praxiskonzepte nicht in aller Ausführlichkeit vorgestellt werden, was im Rahmen eines solches Buches auch nicht möglich wäre. Der Leser findet in den Texten eher eine knappe Vorstellung des jeweiligen Konzepts, bei der die wesentlichen Punkte herausgearbeitet werden. Das wirkt teils skizzenhaft und hinterlässt nach der Lektüre viele ungeklärte Fragen. Das kann natürlich den Leser ermuntern, sich eingehender in die Thematik einzuarbeiten. Skeptische Leser können darin aber auch eher eine Bestätigung ihrer kritischen Haltung sehen.
In beiden Teilen des Buches stößt der Leser immer wieder auf inhaltliche Überschneidungen einerseits, andererseit fehlt manchen Beiträgen – insbesondere im Theorieteil - ein wenig die sprachliche Klarheit und der rote Faden, so dass die Ausführungen zu wichtigen Fragestellungen – etwa die nach der eigentlichen Zielgruppe – bisweilen diffus ausfallen. Darin zeigt sich auch ein echtes Manko des Buches: Eine sorgfältige Lektoratsarbeit scheint vor dem Druck nicht wirklich stattgefunden zu haben. Anders sind die zahlreichen Tippfehler nicht zu erklären. Bei einem Preis von 24,90 € für ein Taschenbuch von 224 Seiten ist das nicht gerade erfreulich.
Der interessierte Leser dürfte die Lektüre dennoch als insgesamt gewinnbringend einstufen. Das klare Plädoyer für konfrontative Ansätze bestimmt natürlich die verschiedenen Beiträge. Doch werden auch offene Fragen, Kritikpunkte und Ungereimtheiten thematisiert und verhandelt (insbesondere in dem Text von WALKENHORST). Die Kritik fällt dabei sachlich und fundiert aus.
Somit kann die Lektüre des Buches all denjenigen empfohlen werden, die mit aggressiven und gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen arbeiten.
Und um noch einmal auf die eingangs erwähnte Debatte in der Zeitschrift für Heilpädagogik zurück zu kommen: Den Beiträge, die sich in einer besonders scharfen Kritik an der konfrontativen Pädagogik üben, scheint eine gewisse Ahnungslosigkeit bezüglich des Diskussionsgegenstands gemeinsam zu sein. Auch hier kann die Lektüre des Buches Abhilfe schaffen.


Verlag: Verlag für Sozialwissenschaften | Preis: 24,90 EUR | Rezensent: Tim Bendokat
Bewertung :

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