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Grundlagen

Klein, Ferdinand/ Neuhäuser, Gerhard: Heilpädagogik als therapeutische Erziehung. München 2006

Heilpädagogik als therapeutische ErziehungGute Heilpädagogen interessieren sich auch für die Nachbargebiete ihrer Disziplin, insbesondere der Medizin. Die beiden Autoren dieses Buches bündeln diesen Standpunkt in ihrem Vorwort derart: "Unter Heilpädagogik fassen wir alle ärztlich-erzieherischen Hilfen für Menschen, die als Folge einer Schädigung ihres Zentralorgans oder/und aufgrund problematischer sozialer Lebenslagen diese Hilfe vorübergehend, länger oder zeitlebens brauchen. Um das pädagogische Anliegen hervorzuheben, möchten wir diese interdisziplinäre ärztliche und erzieherische Hilfe als therapeutische Erziehung bezeichnen." (9)
Nachdem die Verfasser in einem kurzen Kapitel ihren eigenen Standpunkt zur Thematik darstellen - zusammengefasst der, dass Heilpädagogik als ärztlich-erzieherische Praxis zu begreifen sei - thematisieren sie die Geschichte der Heilpädagogik und Sozialpädiatrie in diesem Kontext. Sie zeichnen detailliert die historische Entfaltung der Heilpädagogik aus der Medizin nach und zeigen so, dass diese auch heute noch pädagogische Handlungsmöglichkeiten ergänzt und vertieft (28).
Das 3. Kapitel, welches näher auf den Ansatz einer Heilpädagogik als ärztlich-erzieherische Praxis eingeht, beginnt mit einem Fallbeispiel. An diesem wird gezeigt, dass Heilpädagogik als Wissenschaft für das praktische Handeln nur "bedingt gültige Ergebnisse vermitteln kann", denn theoretisches "Wissen bleibt relativ, vorläufig und begrenzt, es muss immer wieder überprüft werden" (46). Auf den folgenden Seite erläutern KLEIN und NEUHÄUSER, auf welcher Basis eine sich als interdisziplinär und wissenschaftlich arbeitende Heilpädagogik bewegen muss. Sie zeigen geschickt die Möglichkeiten und Defizite der derzeitigen Heilpädagogik, indem sie die Namen der Vertreter von in ihren Augen sinnvollen Ansätzen nennen, während in ihren Augen weniger sinnvolle Ansätze keine Erwähnung finden. Diverse namhafte Heil- und Sonderpädagogen werden nicht genannt. Schade eigentlich, zitieren sie doch immerhin Ronald D. Laing mit den Worten: "Die wissenschaftliche Methode beruht auf der Einmischung in das, was ohne unsere Einmischung geschehen würde. Der wissenschaftliche Eingriff ist der destruktivste Eingriff. Nur ein Wissenschaftler weiß, wie er am destruktivsten eingreifen kann." (56)
Sei's drum. Im folgenden Kapitel werden diagnostische Verfahren vorgestellt und anschließend Verfahren und Methoden der Behandlung, Erziehung und Beratung. Im abschließenden Kapitel wird die Verknüpfung von heilpädagogischer Praxis und therapeutischer Erziehung näher vorgestellt. Hier werden traditionellen Ansätzen und moderne wie die Salutogenese auf ihren Wert für die "therapeutische Erziehung" hin untersucht. Gemäß dem Leitgedanken ihres Buches greifen die Autoren auf verschiedene Bereiche zurück, die auf der einen Seite eher einen klassisch-pädagogischen Hintergrund haben (etwa Pestalozzi), aber auch einen aktuell-medizinischen wie die Chronobiologie. Auch Ansätze wie Eurythmie und Feldenkrais werden erwähnt. Einen recht großen Raum nehmen übrigens an mehreren Stellen die Theorien von Rudolf Steiner ein.

"Heilpädagogik als therapeutische Erziehung" ist ein von KLEIN und NEUHÄUSER entworfener Theorieansatz, der diverse Aspekte heilpädagogischen Handelns integrieren will. Die Darstellung dieses Entwurfs gelingt und die Grundintention ist lobenswert. Leider vermeiden die Autoren eine klare Einschätzung von Sinn und Wirksamkeit diverser Ansätzen, die vorgestellt werden. Es entsteht der Eindruck, dass dem Gedanken der Ganzheitlichkeit verpflichtend zahlreiche auch ideologisch gefärbte Methoden und Verfahren der Heilpädagogik im Buch vorgestellt werden, ohne diese einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.


Verlag: Reinhardt | Preis: 19,90 EUR | Rezensent: Sebastian Barsch
Bewertung :

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