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Rezensionen

Musik: Hörbeeinträchtigung

Salmon, Shirley (Hg.): Hören - Spüren - Spielen. Musik und Bewegung mit gehörlosen und schwerhörigen Kindern. Wiesbaden 2006

Hören - Spüren - Spielen"Musizieren und Tanzen für Kinder mit Hörbeeinträchtigungen sind schulisch und außerschulisch immer noch kein selbstverständliches Angebot" - so heißt es auf dem Einband des von Shirley Salmon herausgegebenen Buches. In der Tat dürfte für viele die Vorstellung des Musizierens mit gehörlosen Kindern auf Verwunderung stoßen: warum Musik, wenn man nicht hören kann? Im Falle von Beethoven entstand die Gehörlosigkeit erst ab dem 30. Lebensjahr, so dass zumindest das musikalische Vorstellungsvermögen schon ausgereift war. Aber was ist mit denjenigen, die wesentlich früher ertaubten und somit kein vollständiges "Hörgedächtnis" aufbauen konnten? Auch mit diesen Menschen ist musizieren möglich - diese und andere interessante Erkenntnisse werden von diversen Autoren in diesem Buch zusammengetragen und vorgestellt.

Das Buch ist in vier Kapitel eingeteilt. Teils 1 mit der Überschrift "Viva la musica!" beinhaltet zum Teil sehr persönliche Schilderungen von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen und deren Weg hin zu einem professionellen Umgang mit Musik. Paul Whittaker etwa, selbst gehörlos und Gründer des Vereins "Music and the Deaf MATD" stellt auch für hörende verständlich dar, wie Töne, Musik und Rhythmik von Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung wahrgenommen und selbst produziert werden kann. Dies liest sich sehr interessant und ist mit neuen Erkenntnissen für den hörenden Leser verbunden.
Kapitel 2, die theoretischen Grundlagen, werden mit einem Aufsatz vom unvermeidlichen Georg Feuser eingeleitet. Er lobt sich selbst und schreibt wirr. Die teilweise feststellbaren positiven Wirkungen von Rhythmus auf Menschen mit Autismus erklärt er so: "Der Rhythmus synchronisiert von außen die je individuelle intrasystemische Eigen-Zeit der Pädagogen oder Therapeuten und die der Kinder oder Schüler. Ein gemeinsamer Phasenraum entsteht, in dessen ′Feld′ wir dann einen Dialog führen, interagieren, kommunizieren und kooperieren können." (54)
Wirklich interessant sind in diesem Teil lediglich die Aufsätze von Manuela Prause-Weber und Ulrike Stelzenhammer-Reichhardt, die ohne pädagogische Allgemeinplätze auskommen und eine interdiszplinarische Standortbestimmung musikalisch-heilpädagogischer Konzeptionen bzw. einen Überblick über die (natur)wissenschaftliche Erforschung der Musikwahrnehmung von hörbeeinträchtigten Menschen thematisieren.
Teil 3 des Buches dagegen ist rundum gut lesbar und nützlich. Dort werden verschiedene Praxisbeispiele und Ideen für den konkreten Einsatz vorgestellt und auch in ihre theoretischen Grundlagen angerissen. Darauf aufbauend werden im letzten Kapitel Praxisfelder vorgestellt: Musik in der audiopädagogischen Frühförderung, Orff-Musiktherapie für Kinder mit Cochlea-Implantat oder Berichte aus der Familienarbeit. Auch dieses Kapitel beeindruckt durch seine Praxisnähe bei angemessener theoretischer Fundierung.

"Hören - Spüren - Spielen" ist eine interessante und bis auf wenige Ausnahmen gut zusammengestellte Sammlung von Aufsätzen, die ein Thema behandeln, dass vielen in der sonderpädagogischen Praxis tätigen Personen begegnet aber bislang nur wenig bearbeitet wurde. Somit ist es auch für Bibliotheken an Förderschulen verschiedener Ausrichtung eine lohnenswerte Anschaffung.


Verlag: Reichert | Preis: 24,90 EUR | Rezensent: Sebastian Barsch
Bewertung :

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Hören - Spüren - Spielen

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