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Rezensionen

Schwerstbehinderung

Fornefeld, Barbara (Hg.): Menschen mit Komplexer Behinderung. Selbstverständnis und Aufgaben der Behindertenpädagogik. München 2008

Menschen mit Komplexer BehinderungDas grundliegende Anliegen des Buches ist, Menschen mit mehrfacher Behinderung in den Fokus heilpädagogischen Interesses zu rücken. Im einleitenden Kapitel begründet Fornefeld diesen Schritt damit, dass im Schatten der Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit geistiger Behinderung (Selbstbestimmung, Teilhabe, Deinstitutionalisierung) eine problematische Situation für diejenigen entstanden ist, die auf mehr Hilfe angewiesen sind. Fornefeld spricht in diesem Zusammenhang von einer "Zwei-Klassen-Versorgung". Von der gesellschaftlichen Teilhabe seien demnach diejenigen ausgeschlossen, "die in ihrem Verhalten schwierig oder deren Beeinträchtigungen gravierend sind. [...] Ihre Eingliederung in Einrichtungen der Behindertenhilfe wid angesichts des sich dort vollziehenden Wandels schwierig" (23). Interessant ist, dass Fornefeld diese Veränderungen, die in weiten Teilen auch auf einem Ökonomisierungszwang sozialer Sicherungssysteme und einem "behindertenpolitischen Aktionismus" (18) beruht, nicht grundlegend kritisiert, sondern ihnen durchaus positive Effekte für die Lebensbedingungen vieler Menschen mit geistiger Behinderung zugesteht. Kurz: im einleitenden Kapitel wird eine bislang kaum beachtete und wichtige Positionierung für das gegenwärtige Aufgabenfeld der Heilpädagogik vorgenommen. Leider bleiben einige Aussagen im Bereich der Meinungsäußerungen, etwa dann, wenn die Autorin davon spricht, dass die Förderschulen mit dem FS Geistige Entwicklung in jüngster Vergangenheit vermehrt "'Leistungsverweigerer' aus anderen Sonderschulformen" aufnehmen, "die wegen des dort gestiegenen Leistungsdrucks abgeschoben werden" (25). Belege für diese Aussage fehlen völlig und ähnlich vorgetragene Äußerungen finden sich an mehreren Stellen des Buches.

Im anschließenden Kapitel zeichnet Dederich zunächst den gesellschaftlichen Wandel in Bezug auf die Situation von Menschen mit Behinderungen seit den 1970er Jahren nach. Er kommt dabei zu ähnlichen Aussagen wie zuvor Fornefeld, konkretisiert diese jedoch um soziologische Aspekte. Dabei bezieht er sich im wesentlich auf Aussagen von Wilhelm Heitmeyer und adaptiert dessen grundlegende Erkenntnisse zum gesellschaftlichen Wandel für das Fürsorgewesen für Behinderte. Heitmeyer selbst jedoch befasst sich mit dieser Problematik eher nebensächlich, bzw. sogar "explizit nicht auf behinderte Menschen bezogen" (37). Im Rahmen eines gewissen Alarmismus kommt Dederich dennoch zu dem Schluss, dass die Behindertenhilfe dann in den Blick genommen werden muss, wenn "Auseinandersetzungen um die Verteilung knapp werdender Ressourcen geführt werden" (ebd.).

Im dritten Kapitel definiert Fornefeld den Begriff "Menschen mit Komplexer Behinderung", kann jedoch nicht überzeugend darlegen, wo die Vorteile gegenüber Begriffen wie "Mehrfachbehinderung" oder "Schwerstmehrfachbehinderung" liegen. Phänomenal geht es auch im nächsten Kapitel weiter, wenn Stinkes "Bildung" für Menschen mit Mehrfachbehinderung aus gewohnt leiblicher Sicht angeht. Martin W. Schnell positioniert die Basale Stimulation als "Ansatzpunkt für eine Gleichheit der ethischen Relevanz aller Menschen" (152), ohne zu erwähnen, dass dieses Konzept weder international von Relevanz noch in Deutschland hinreichend bezüglich seiner Effektivität erforscht ist.
Im vorletzten Kapitel geht Fornefeld auf das Konzept "capabilities approach" der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum ein. Sie kommt zu dem Schluss, dass in "dem gemeinsamen Versuch den Fähigkeiten-Ansatz in der Praxis und Theorie zur Anwendung zu bringen, [...] die Bildungs- und Unterstützungsansprüche von Menschen mit Komplexer Behinderung zur Geltung gebracht werden" könnten (180). Bemerkenswert hieran ist vor allem, dass Nussbaum, also die herangezogene Philosophin, schreibt, "dass bestimmte schwerstbehinderte Kinder keine menschlichen Wesen sind, auch wenn sie von menschlichen Eltern abstammen - also diejenigen mit einem umfassenden und totalen Ausfall sensorischer Fähigkeiten und/oder dem völligen Fehlen von Bewußtsein und Denkvermögen" (zit. nach Fornefeld, 177). Noch vor einigen Jahren hätte sich kaum ein deutscher Behindertenpädagogen getraut, sich mit Theorien im Umfeld solcher Aussagen zu beschäftigen. Fornefeld relativiert diese u.a. damit, dass Nussbaum ihren Ansatz nicht dogmatisch sieht und als Philosophin "nicht die Fachkompetenz [hat], um behinderungsspezifische Feinheiten zu erkennen" (179). Nun ja.
Im abschließenden Kapitel betritt Dörr "den Raum des Rechts" (184). Nach einem geschichtlichen und philosophischen Abriss stellt er die Grundlagen des modernen Verfassungsstaates vor und schildert das gegenwärtige Netz sozialer Sicherheit. Dies alles geschieht sachlich und hinreichend fundiert.

"Menschen mit Komplexer Behinderung" nähert sich von Ansatz her einem wichtigen Thema der Behindertenpädagogik. Die in der Auswahl der Aufsätze vorherrschenden Denkansätze basieren jedoch auf einer sehr einheitlichen Basis und bleiben provinziell. Internationale Forschungsergebnisse werden nur spärlich einbezogen, Rückschlüsse auf die Ergebnisse empirischer Untersuchungen finden so gut wie gar nicht statt. Dies täte jedoch auch ethischen Reflexionen, die in diesem Buch den Schwerpunkt bilden, durchaus mal gut.


Verlag: Reinhardt | Preis: 24,90 EUR | Rezensent: Sebastian Barsch
Bewertung :

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