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Geschichte

Barsch, Sebastian: Geistig behinderte Menschen in der DDR. Erziehung - Bildung - Betreuung. Oberhausen 2007

Geistig behinderte Menschen in der DDRQuelle der Erstveröffentlichung: ZGB 4/2008, S. 385-386

Die Theorie und Praxis der Erziehung, Bildung und Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung in der DDR war bislang nur ansatzweise Gegenstand einer historisch-kritischen Analyse. Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten liegt erst wenige Jahre zurück und die Verarbeitung der gesellschaftlichen und individuellen Folgen dauert an, auch im Kontext der Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung. Analog zu den kaum noch auffindbaren Resten der Berliner Mauer gilt aber andererseits, dass schon jetzt die DDR-Vergangenheit und somit auch ein Stück deutscher Bildungsgeschichte in Vergessenheit zu geraten droht. Vor diesem Hintergrund fokussiert Sebastian Barsch "eine umfassende Darstellung der rechtlichen, ideologischen und institutionellen Rahmenbedingungen für die Lebenssituation geistig behinderter Menschen in der DDR" sowie eine Auseinandersetzung mit der Theoriebildung der Rehabilitationspädagogik und "ihrer historischen Entfaltung im Wissenschaftsbetrieb".

Der Autor benennt folgende inhaltliche Schwerpunktsetzungen, die sich in der Gliederung des Buches wieder finden und in unterschiedlicher Intensität behandelt werden: Politisch-ideologische Leitlinien der "Volksbildung" und des Gesundheitswesens, sozialistische Bildung und Erziehung "geschädigter" Menschen, Rechtsvorschriften für Schulen, Förderungs- und Betreuungseinrichtungen, Sozialgesetze und ihre Auswirkungen auf die Familien- und Jugendhilfe, institutionelle Betreuung und Unterbringung geistig behinderter Menschen und das Alltagsleben inklusive einer exemplarischen Darstellung der "Wirklichkeitsebene".

Während die meisten Punkte methodisch im Sinne einer hermeneutischen Analyse zeitgenössischer (Fach)Literatur der DDR - ergänzt durch Interviewauszüge und die Sichtung von Archivbeständen realisiert werden, nutzt der Autor zur Annäherung an die Lebenswirklichkeit - neben der Auswertung zweier Privatarchive - vor allem die Interviews mit insgesamt 11 Zeitzeugen (darunter Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung, Psychiater, Lehrerinnen und Wissenschaftler, z.B. ehemalige Mitarbeiter der Sektion Rehabilitationspädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin). Besonders intensiv wird dieser qualitativ-biographische Zugang bei der Darstellung der Alltagswirklichkeit von Menschen mit geistiger Behinderung in dem Kapitel "Christine und Hermine Fraas: Leben mit Down-Syndrom in der DDR" genutzt. Die zuvor primär auf Literatur basierende Analyse wird hier durch ein Stück gelungener "Oral History" ergänzt. Als Ergebnis seiner historischen Arbeit betont Sebastian Barsch nicht zuletzt, dass sich einseitige Sichtweisen der Rehabilitationspädagogik und der Lebenswirklichkeit von Menschen mit geistiger Behinderung in der DDR verbieten. Der Autor reproduziert somit nicht die Dichotomie der im Alltag häufig anzutreffenden pauschalen Verurteilung einerseits und der Verteidigung der in diesem Zusammenhang relevanten Verhältnisse andererseits. Der Autor macht hingegen auf diskontinuierliche Verläufe innerhalb der DDR und im Vergleich zur Entwicklung der Disziplin und Profession in der BRD aufmerksam. So wird z.B. auf die dreizügige Gliederung der Hilfsschule (A, B und C) in der DDR hingewiesen, welche die Aufnahme von Schülerinnen und Schülern mit geistiger Behinderung bereits in den 1960er Jahren ermöglichte. In der weiteren Entwicklung der Rehabilitationspädagogik der DDR wurde aber der Personenkreis, der in der BRD in den 1970er Jahren durchgängig die Schule für Geistigbehinderte besuchte, fast vollständig dem Zuständigkeitsbereich des Ministeriums für Volksbildung entzogen und dem Gesundheitswesen zugeordnet, so dass die so genannten "schulbildungsunfähigen förderungsfähigen Intelligenzgeschädigten" rehabilitationspädagogischen Fördereinrichtungen zugewiesen wurden. Unter der Leitung von Sigmar Eßach wurden ab den 70er Jahren in der Fachrichtung "Pädagogik der schulbildungsunfähigen förderungsfähigen Intelligenzgeschädigten" Richtlinien für die Förderung erarbeitet, die später als "Grundlagenmaterial zur Gestaltung der rehabilitativen Bildung und Erziehung in Rehabilitationspädagogischen Förderungseinrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens der DDR" veröffentlicht wurden. Neben der Aufteilung des Bildungsbegriffs in "Schulbildungsfähigkeit" und der Bildungsfähigkeit im Rahmen von Fördereinrichtungen blieb aber als weiteres zentrales Problem, dass die "förderungsunfähigen" Kinder und Jugendlichen, d.h. Kinder mit schweren und mehrfachen Behinderungen weiterhin keine Bildungs- und Förderangebote erhielten, sondern entweder bei den Eltern blieben oder in Großinrichtungen untergebracht wurden, wo sie oftmals zu einer menschenunwürdigen Anstaltsbiographie verurteilt waren.

Dem Autor blieben nach eigenen Angaben zahlreiche Archive von Großinrichtungen (Psychiatrien) verschlossen und er weist ferner darauf hin, dass die genutzten Quellen, mit deren Hilfe die Alltagswirklichkeit eingefangen wurde, aufgrund ihrer privilegierten Stellung (Familie, Reformeinrichtung) nur bedingt repräsentativ seien. Vor diesem Hintergrund bleibt abzuwarten, inwieweit das "Vetorecht der Quellen" in Zukunft noch weitere Lesarten dieses Teils der DDR-Geschichte zulässt - der Konstruktionscharakter und die Vorläufigkeit der Erkenntnis ist aber ein generelles Merkmal historischer Forschung.

Sebastian Barsch hat mit dieser ersten Monographie zur Bildung, Erziehung und Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung in der DDR ein durchgängig lesenswertes und auch dringend notwendiges Buch geschrieben, das sich durch eine vorsichtige Bewertung auszeichnet, ohne auf notwendige Kritik zu verzichten. Wer sich über einen Teil rehabilitationspädagogischer Theorie und Praxis aufklären will, der nach der Wende im Fachdiskurs nur äußrst selten sichtbar wurde, findet hier die entsprechende Lektüre.


Verlag: Athena | Preis: 34,50 EUR | Rezensent: Oliver Musenberg
Bewertung :

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Geistig behinderte Menschen in der DDR

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