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Rezensionen

Integration und Inklusion

Knauer, Sabine: Integration - Inklusive Konzepte für Schule und Unterricht. Weinheim 2008

Inklusive Konzepte für Schule und UnterrichtDr. Sabine Knauer, Grundschul-, Sonder- und Sozialpädagogin, freiberufliche Erziehungswissenschaftlerin, die über langjährige Erfahrung in integrativem Unterricht, integrationspädagogischer Lehrerbildung und Schulberatung verfügt und derzeit wissenschaftliche Beraterin des Programms „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ der Deutschen Kinder und Jugendstiftung zur Förderung von Ganztagsschulen in Zusammenarbeit mit Bund und Ländern ist, entwirft in ihrem neuen, im Beltz Verlag 2008 erschienen Buch „Integration – inklusive Konzepte für Schule und Unterricht“ die Grundzüge einer neuen Integrationspädagogik.

Trotz der seit Jahrzehnten anhaltenden Integrationsdebatte, ist das Buch um Aktualität bemüht, indem es sich auf gegenwärtige gesellschafts- und bildungspolitische Entwicklungen und Ereignisse bezieht, die aber interessanter Weise dazu herangezogen werden, das Überdauernde der bundesrepublikanischen Bildungsdebatte zu verdeutlichen und in ihrer stetigen Wiederholung ein „systemisches Prinzip“ unseres Bildungswesens erkennbar werden zu lassen. Daher wird auch der Theoriebildung der Integrationspädagogik von Sabine Knauer in ihrem Buch besondere Aufmerksamkeit gewidmet, indem sie durch das Anknüpfen an die Entwicklungen des systemischen Denkens neue und interessante Aspekte beleuchtet, die das Thema deutlich entkrampfen und auch belegen, wie modern einige der „alten Texte“ im Rahmen dieses anderen Kontextes immer noch sind. Darüber hinaus trägt auch der leserfreundliche, verstehbare und verständliche Sprachstil der Verfasserin – der, wie sie selbst schreibt, manchmal nicht den „eingeturnten wissenschaftlichen Denkvorschriften“ entspricht - dazu bei, dass nicht über Inklusion in exklusivem Stil geschrieben wird.

Im Kapitel „Hintergründe, Entwicklungslinien und Auslöser“ werden zunächst Entwicklungslinien (unter den Überschriften „Einheit und Uneinigkeit in Deutschland“, „Globalisierung und Wirtschaftsflaute“, „Kommunikation ohne Zeit und Raum“, „Demografisches“, „Politiker- und Parteienverdrossenheit“, „PISA-Schock“, „Recht auf Bildung – Bildungsgerechtigkeit?“, „Menschenrechte, Kinderrechte“, Barrierefreies Europa?“, „Arme Kinder!“, „Besserung in Sicht? – Letzte Meldungen“) unseres Bildungswesens zurückverfolgt, um Hintergründe und Begründungszusammenhänge erkennbar werden zu lassen, aus denen sich die neuen Themen ableiten lassen, die in einem zweiten Schritt benannt und erläutert werden. Dazu zählen die Themen – und die Missverständnisse – wie: „Förderung – individuell oder früh, für alle oder nur für PISA-Loser?“, „Standards und Schulängste“, „(Ganztags-)Schule als Lebenswelt“, „Informelle Lerngelegenheiten“, „Partizipation“, „Bildungslandschaften“, „Die deutsche Schwäche: Kategorisierungen und Schubladen“, „Einladung zum Perspektivwechsel: Das Kind im Zentrum“.

In dem darauf folgenden Kapitel „Theoretischer Exkurs: Behinderung? Behinderung!“ dekonstruiert Sabine Knauer aus einer kritischen und systemischen Betrachtung des Behinderungsbegriffs die herkömmlichen Ordnungsstrukturmerkmale und regt die Leser dazu an, das eigene Menschenbild, das eigene Verhältnis zur Wirklichkeit zu den Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Handelns zu befragen. Dabei werden folgende Aspekte thematisiert: „Ein systemischer Blick“, „ ‚Echte’ und ‚unechte’ Behinderungen?“ („Niemand hat eine Lernbehinderung“, „Jede Behinderung ist eine Lernbehinderung“, „Kein Lernen ohne Lernbehinderung“, „Wie aber hat man sich Lernen vorzustellen?“), „Wahrnehmung und Kommunikation als Lernvoraussetzungen“ („Was verstehen wir unter Wahrnehmung?“ „Neuropsychologische Grundlagen der Wahrnehmung“, „Wahrnehmen, Denken und Handeln“, „Bereiche und Erscheinungsformen unzureichender sensorischer Integration“). Am Ende offenbart der systemische Blick der Verfasserin, dass „jede Pädagogik, die auf Minderheiten oder Benachteiliget fokussiert, also jede um Gerechtigkeit ringende Pädagogik, […] in dem Dilemma [steht], dass sie zugleich an der Schaffung des Habitus beteiligt ist, der die Benachteiligung begründet oder verstärkt; so auch die Sonderpädagogik.“ (S.71)

Im abschließenden Kapitel „Behinderung verhindern – die integrative Schule als Antwort auf heutige Bildungsherausforderungen“ entwirft Sabine Knauer die Leitmotive schulischer Integration in heterogenen Lerngruppen, auch in Hinblick auf ganz unterschiedliche Formen des Förderbedarfs, sowie ein integrationspädagogisches Aufgabenprofil. Dabei beleuchtet die Verfasserin unter dem wichtigen Gesichtspunkt des Heranwachsens von Kindern und Jugendlichen folgende unterschiedliche Aspekte der Organisation Schule: 1. „Schule auf dem Weg zur Echtzeit: Impulse der Integrationspädagogik zur Schulentwicklung“, 2. „Unterrichtest Du noch Fächer oder schon Schüler?(Unterrichtsentwicklung)“, mit den Unterpunkten „“Früher hieß das einmal Diagnostik…“, „Schuleingangspädagnostik: Sich ein Bild machen – von Anfang an“, „Teilnehmende Beobachtung im Schulalltag“ „Von der Didaktik zum Selbstlernen (Mathetik), „Beliebigkeit oder Vielfalt?“, „Leistung würdigen“ und 3. „Was Integration den Erwachsenen bringt (Personalentwicklung)“ mit den Unterpunkten „Voraussetzungen aufseiten der Lehrerpersönlichkeiten“, „Teamstrukturen und –regeln“.

Insgesamt betrachtet ist das Buch von Sabine Knauer aus meiner Sicht ein höchst reflexives Unternehmen, das nicht durch Trivialisierung auf endgültige und eindeutige Antworten oder auf eine Lösung aller Probleme angelegt ist, sondern das ehrlich, engagiert, kompetent und fundiert eine größtmögliche Vielfalt an Optionalitäten aufzuzeigen versucht. Dabei wird den Lesern ein anderer Blick durch die systemische Brille der Verfasserin ermöglicht, den sie folgendermaßen begründet: „Die systemüberwindende, synergetische Perspektive der Integrationspädagogik“ macht einen unablässigen Wechsel der Beobachtungsstandpunkte erforderlich, die ihrerseits eine stets neue Selbstverortung und kritische Selbstüberprüfung erfordern. Dieses Springen zwischen Standorten zieht notwendig ein fortwährendes selbstreferenzielles Sich-in-Beziehung-Setzen des Systems Integrationspädagogik sowie der sie vertretenden Personen zu den postulierten ethischen Werten nach sich; die damit verbundenen wellenförmigen Bewegungen der Destabilisierung und erneuten Ausbalancierung machen eine sensible Selbstwahrnehmung und eine Selbstthematisierung – vor allem in Hinblick auf grundlegende motivationale Beweggründe – unverzichtbar.“ (S. 146) Die Weiterentwicklung dieses anderen Blicks ist nach Sabine Knauer umso dringlicher, da „[…] aus integrationspädagogischer Position die erziehungswissenschaftlichen Disziplinen in ihrer derzeitigen Ausformung nicht die den Berufsfeldern entsprechenden Bezugswissenschaften [sind]. Die aus diesem Umstand aufscheinende vermeintliche Theorie-Praxis-Diskrepanz ist durch eine diskursive Durchdringung der Praxisfelder und hieraus zu entfaltende Professionswissenschaften zu überwinden.“ (S. 147) Somit ist ihr Buch „Integration – inklusive Konzepte für Schule und Unterricht“ sowohl für die „Theoretiker“ als auch die „Praktiker“ ein Gewinn und es zeigt eine Perspektive auf, in der die Integrationspädagogik eine Bereicherung für alle darstellen kann.


Verlag: Beltz | Preis: 29,90 EUR | Rezensent: Rolf Balgo
Bewertung :

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