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Hunt, Nigel: Die Welt des Nigel Hunt. Tagebuch eines Jungen mit Down-Syndrom. München 5/ 2000

Die Welt des Nigel HuntDieses Buch erschien in der englischen Originalversion erstmalig 1966 und sorgte für gehörigen Wirbel in der Fachwelt, galt es doch damals als ausgeschlossen, dass ein Mensch mit Down-Syndrom zu einer derartigen Leistung im Stande sein könnte. Nigel Hunt ist ein solcher Mensch mit Down-Syndrom, der wider allen Expertenwissens Lesen und Schreiben lernte und Eindrücke und Erfahrungen aus seinem Leben mittels einer Schreibmaschine zu Papier brachte. Seine Aufzeichnungen haben sich seit der Erstveröffentlichung zu einer Art "Klassiker" entwickelt, der auf großes Leserinteresse gestoßen ist. Sicherlich hat sich auch in der Sonderpädagogik das Bild von Menschen mit Down-Syndrom weiterentwickelt. Dennoch glaube ich, dass viele, die dieses Buch zum ersten Mal lesen, ziemlich überrascht sein dürften und feststellen werden, dass sie das einem "geistigbehinderten" Menschen nun doch wieder nicht zugetraut hätten. Die Lektüre kann also einen wichtigen und wertvollen Beitrag dazu leisten, den eigenen Horizont mal wieder ein Stückchen zu erweitern und die Schubladen im eigenen Denken einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
Nigel Hunt war nicht der erste behinderte Mensch, der sich aus der Schublade, in der er von Expertenseite hineinsortiert werden sollte, herausgearbeitet hat. Voraussetzung dafür war auch, dass ihm dazu überhaupt die Chance gegeben wurde (insbesondere von seinen Eltern). Gerade Sonderpädagogen haben hier eine sehr große Verantwortung, denn als sogenannte Experten in Sachen Behinderung gehört das Zuordnen von Menschen in bestimmte Kategorien noch immer zum Berufsalltag.
Man muss für das Tagebuch des Nigel Hunt nicht viel Zeit opfern, eine Zugfahrt von zwei Stunden und schon ist man auf der letzten Seite angekommen. Ein Vergnügen ist die Lektüre zudem auch noch, wie der folgende kleine Auszug aus einer Urlaubsbeschreibung verdeutlichen könnte:
"Ich habe alles angehabt und Mama und ich haben versucht, hinüber auf die andere Seite des Wasserfalls zu gehen, und während wir versucht haben, auf die andere Seite zu gehen, hat mein Papa was Dummes gemacht: er ist beinahe ertrunken" (S.50).
Aber auch die traurigen Seiten des Lebens werden von Nigel Hunt geschildert, z.B der Tod seiner Mutter und sein ganz eigener Weg, mit diesem Ereignis umzugehen.

Insgesamt also ein sehr lohnenswertes Buch. Nigel Hunts eigene Aufzeichnungen werden abgerundet durch ein Geleitwort von Otto Speck, ein Vorwort von Prof. Penrose (London University) sowie eine Einführung seines Vaters, so dass sich ein sehr facettenreiches Bild und jede Menge Stoff zum Nachdenken ergibt.


Verlag: Reinhardt | Preis: 8,90 EUR | Rezensent: Tim Bendokat
Bewertung :

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Die Welt des Nigel Hunt

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