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Praxis: GB

Achilles, Ilse: Was macht Ihr Sohn denn da? Geistige Behinderung und Sexualität. 3. überarb. Auflage. München 2002

Was macht Ihr Sohn denn da?Ilse ACHILLES arbeitet als Journalistin in München und ist selbst Mutter eines Sohnes mit geistiger Behinderung. Sie schreibt also über ihr Thema weniger aus einer fachwissenschaftlichen Perspektive als aus der Sicht einer selbst Betroffenen. Entsprechend groß ist der Praxisbezug des vorliegendes Buches.

Zum Einstieg in die Thematik werden sechs Fallbeispiele mit ganz unterschiedlichen Problemschwerpunkten skizziert, was es auch dem Leser, der sich der Thematik vor einem eher theoretischen Hintergrund nähert, ermöglicht, einen Einblick in die ganze Bandbreite der aufgeworfenen Fragestellungen zu erhalten.
Solchermaßen sensibilisiert wird der Leser bei der Lektüre durch folgende Themenschwerpunkte geführt:

• Aufklärung von Kindern mit geistiger Behinderung
• Pubertät
• Lernprozesse bei ErzieherInnen und BetreuerInnen
• Sexueller Missbrauch
• Verhütung
• Sterilisation
• Elternschaft und geistige Behinderung
• Eheschließung und geistige Behinderung
• Homosexualität
• Aids
• Alltagsgestaltung

Das Thema geistige Behinderung und Sexualität wird also auf sehr facettenreiche Art und Weise aufgearbeitet. Dabei wird durchgehend ein enger Bezug zur Praxis hergestellt, etwa in Interviews von Menschen mit geistiger Behinderung oder in Erfahrungsberichten von in Wohneinrichtungen tätigen Menschen. Zusätzlich bietet das Buch dem Leser einiges an theoretischem Hintergrundwissen, etwa über die Vorgänge in der Pubertät, Verhütungsmethoden, Methoden bei der Sterilisation sowie rechtliche Hintergründe.
Wie ein roter Faden zieht sich dabei der Gedanke, dass auch Menschen mit geistiger Behinderung ein Recht auf eine erfüllte Sexualität haben durch das Werk. Die mit der Umsetzung dieses Gedankens verbundenen Schwierigkeiten werden dabei allerdings nicht verschwiegen oder verharmlost, sondern sie werden offen dargelegt und diskutiert. Angenehmerweise erhebt das Buch dabei nicht den Anspruch, für jeden Fall eine Lösung anbieten zu können. Häufig bleibt es bei Denkanstößen, die zum Teil von manchem Leser sicherlich auch als Provokation empfunden werden könnten (z.B. beim Thema käuflicher Sex für Menschen mit Behinderung).
Angesichts der Fülle der thematisierten Fragestellungen stellt sich natürlich die Frage, ob nicht manche Bereiche eher oberflächlich behandelt bzw. abgehandelt werden. Dieses Gefühl hatte ich eigentlich nicht, allerdings muss gesagt werden, dass mancher Abschnitt doch überraschend kurz ausfällt. So könnte der Bereich "sexueller Missbrauch" sicherlich ein ganzes Buch alleine ausfüllen - in diesem Rahmen kann er nur andiskutiert werden, aber es werden trotzdem sinnvolle Schwerpunkte herausgearbeitet.

Insgesamt also eine sehr lohneswerte Lektüre, die sich in erster Linie an Menschen wendet, die mit dieser Problematik in ihrem privaten oder beruflichen Alltag konfrontiert sind. Viele der dargestellten Probleme werden ihnen vertraut vorkommen und möglicherweise stoßen sie auf Anregungen, die ihnen bislang nicht klar waren.
Interessant ist dieses Buch sicherlich aber auch für Studierende der Heilpädagogik (egal ob Lehramt oder Diplom) bzw. Sozialpädagogik oder angehende Erzieher, denn hier werden Fragen diskutiert, die ihnen spätestens in der beruflichen Praxis begegnen werden.
Abgerundet wird das Buch durch den guten Anhang, welcher zum einen eine kommentierte Bibliographie aufweist, so dass der Leser sich über weiterführende Literatur und ihre Anwendungsmöglichkeiten (z.B. hinsichtlich der Aufklärung von Kindern/ Jugendlichen mit geistiger Behinderung) informieren kann Zum anderen werden Adressen von Einrichtungen aufgeführt, an die man sich mit seinen Fragen wenden kann.


Verlag: Reinhardt | Preis: 14,90 EUR | Rezensent: Tim Bendokat
Bewertung :

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