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Rezensionen

Pädagogik allgemein

Böhm, Dietmar/ Böhm, Regine/ Deiss-Niethammer, Birgit: Handbuch Interkulturelles Lernen. Theorie und Praxis für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen. 2. Aufl. Freiburg 1999

Handbuch Interkulturelles LernenIn den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann die Zuwanderung von Arbeitsmigranten nach Deutschland. Wurde zunächst von Seiten der Politik angenommen, dass die Arbeiter nach einigen Jahren wieder zurück in ihre jeweiligen Heimatländer gehen würden, stellte sich zunehmend heraus, dass viele Ausländer ihren Lebensmittelpunkt in das Land verlagert hatten, in dem sie über einen nicht kurzen Zeitraum hinweg gearbeitet hatten. So zogen auch ihre Familien nach. Mittlerweile bilden ausländische oder aus dem Ausland stammende Mitbürger einen selbstverständlichen Teil der Bevölkerung in Deutschland. "Die multikulturelle Gesellschaft ist einfach da." (13)
Damit ist natürlich auch verbunden, dass es viele verschiedene nebeneinander existierende "Kulturen" bzw. Stile der Lebensführung geht. In vielen Fällen stellt dieses Nebeneinander kein Problem dar. Natürlich gibt es auch Grenzen, die sich in falsch verstandener Toleranz ausdrücken. "So wäre es absurd (...) wenn wir z.B. frauenfeindliche Praktiken wie die Beschneidung von Mädchen achselzuckend hinnehmen würden (...) Unsere multikulturelle Gesellschaft braucht also einen Minimalkonsens, der sinnvollerweise in der Anerkennung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland begründet sein muss." (24f)
Klar ist also, dass es innerhalb der deutschen Bevölkerung verschiedene kulturelle Hintergründe gibt, und dass diese auch im pädagogischen Alltag von Bedeutung sind.

Die drei Autoren, allesamt Dozenten an der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Stuttgart, machen in ihrem Handbuch auf die wichtigsten Faktoren, die zu einer Erziehung der Toleranz in einem gleichberechtigten Nebeneinander verschiedener kultureller Herkünfte führen, aufmerksam. Dabei erwähnen sie auch den Aspekt des interreligiösen Lernens - die Religion ist oftmals der entscheidende Unterschied zwischen verschiedenen Kulturen. Auf Theorien zur Identitätsbildung (nichtdeutscher Kinder) wird ebenso ausführlich eingegangen Sprachentwicklung und Spracherwerb bei Kindern. Alles in allem eine runde Sache.

Für weniger gut gelungen halte ich jedoch das Kapitel "Beten - Begegnung mit Gott und anderen." Positiv - wie schon erwähnt, ist der Einbezug des interreligiösen Lernens auf jeden Fall - speziell hier jedoch recht dogmatisch dargestellt. Es gibt in unserer säkularisierten Gesellschaft viele Familien, die dem Beten rein gar nichts abgewinnen können. Ihre Kinder werden dann sicherlich auch beim gemeinsamen Beten in der Kita keine Gemeinsamkeit spüren. Hier hätten die Autoren m.E. toleranter mit der Mehrheit der Nichtgläubigen umgehen sollen. Der der Spiritualität zugeneigte Leser wird allerdings hier sein kleines Stückchen Wahrheit finden.
Dieser letzte geschilderte Eindruck soll jedoch nicht vom positiven Gesamtbild ablenken, den das Handbuch macht. Es ist auf jeden Fall eine lohnenswerte Anschaffung.


Verlag: Herder | Preis: 20,50 EUR | Rezensent: Sebastian Barsch
Bewertung :

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Handbuch Interkulturelles Lernen

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