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Bioethik

Dederich, Markus: Menschen mit Behinderung zwischen Ausschluss und Anerkennung. Bad Heilbrunn 2001

Menschen mit Behinderung zwischen Ausschluss und AnerkennungMarkus DEDERICH geht in diesem Buch von der These aus, dass ethische Fragestellungen und eine kritische Reflexion gegenwärtiger Entwicklungen in der Gesellschaft zu den zentralen Aufgaben der Heilpädagogik gehören. Damit greift er nochmal zurück auf die detaillierten Überlegungen seines Buches "Behinderung -Medizin - Ethik", dessen zentrale Aussagen auch in diesem Werk aufgeführt werden.
Darüber hinaus geht es DEDERICH in diesem Buch jetzt aber auch verstärkt um praktische Konsequenzen für das Handlungsfeld der Heilpädagogik (DEDERICH bevorzugt den Begriff "Behindertenpädagogik"), wobei er sehr viel Wert auf die Analyse gegenwärtiger Diskurse innerhalb des Faches als auch gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen und deren Verzahnung legt. Einen ersten Schwerpunkt legt er dabei auf der kritischen Reflexion des (radikalen) Konstruktivismus und dessen Aufnahme innerhalb der Heilpädagogik. Konstruktivistische Ansätze stoßen spätestens seit Maturanas/ Varelas "Baum der Erkenntnis" innerhalb der Heilpädagogik auf große Begeisterung, insbesondere dann, wenn es um die Diskussion des Begriffes "Behinderung" (und dessen konsequenter Darstellung als soziales Konstrukt) geht. Von einer kritischen Rezeption dieses Ansatzes bzw. ähnlicher Ansätze kann innerhalb der Heilpädagogik bislang kaum die Rede sein. Vielmehr lösten Maturana und Varela eher weitgehend euphorische Reaktionen aus.
DEDERICH greift diesen Umstand auf, unterzieht die zentralen Aspekte des Konstruktivismus einer exakten Analyse, weist auf Widersprüche und deren Konsequenzen hin und formuliert so eine recht deutliche und einleuchtende Kritik. Problematische Aspekte des radikalen Konstruktivismus hinsichtlich seiner Verwendung in der heilpädagogischen Theoriebildung werden somit herausgestellt, was aber nicht heißen soll, dass es sich hierbei um eine grundsätzliche Ablehnung handelt.

Im weiteren Verlauf stellt DEDERICH zunehmend sozialwissenschaftliche Aspekte in den Mittelpunkt seiner Überlegungen, wobei er sich insbesondere auf Mechanismen konzentriert, welche zur gesellschaftlichen Aussonderung behinderter Menschen beitragen. Dabei unterzieht er verschiedene heilpädagogische Positionen, welche dieser Entwicklung entgegenzuwirken zum Ziel haben, einer kritischen Untersuchung, wobei insbesondere der Ansatz der Dekategorisierung (z.B. Eberwein, Benkmann als Befürworter, Bleidick mit eher skeptischen Anmerkungen) diskutiert wird. Beeindruckend auch hier die klare Strukturierung von Analyse und Argumentationsverlauf, welche sich durch das gesamte Werk zieht. Es wird nicht weiter ausgeholt als unbedingt notwendig, es wird aber auch nicht in unzulässiger Form vereinfacht.
Zum Abschluss stellt DEDERICH noch einmal die Ethik und ihre grundlegende Bedeutung für die heilpädagogische Theorie und Praxis in den Mittelpunkt und stellt heraus, dass die Heilpädagogik hier im größeren Maße ihrer gesellschaftspotischen Verantwortung gerecht werden muss im Sinne einer "offensiven Behindertenpädagogik".

Insgesamt ein beeindruckendes Buch mit vielen kritischen Anmerkungen zur gegenwärtigen Heilpädagogik. Dabei ist die Kritik immer gut begründet, und es werden interessante Konsquenzen formuliert, wenn auch teilweise in nur skizzierter Form (was immer noch einen wichtigen Impuls darstellt). Dieses Buch könnte einen wichtigen Beitrag zu einer produktiven Weiterentwicklung der Heilpädagogik darstellen, daher sei seine Lektüre an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen!


Verlag: Klinckhardt | Preis: 18,50 EUR | Rezensent: Tim Bendokat
Bewertung :

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Menschen mit Behinderung zwischen Ausschluss und Anerkennung

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