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Rezensionen

Ethnologie

Müller, Klaus E.: Der Krüppel. Ethnologia passionis humanae. München 1996

Der KrüppelMenschen machen sich ja so ihre Gedanken. Über sich, ihre Nachbarn, die Natur, die sie umgibt - sie ordnen ihre Welt. Da beschäftigen sich die Menschen also mit Fragen wie: Wieso eigentlich ist unser Menschenschlag (sei er nun europäisch, afrikanisch, asiatisch...) der Menschenschlag, den die Götter gesegnet haben? Gesegnet wahlweise mit Schönheit, Klugheit, der besten und fruchtbarsten Natur, den schönsten Frauen...?

Zum Beispiel auf diese Fragen gibt das Buch von Klaus E. Müller jede Menge Antworten. Um eine meiner Lieblingsantworten auf die Frage zu nennen, wieso eigentlich Menschen roter Hautfarbe die schönsten unter den Menschen sind:

"Nach einer mythischen Überlieferung der Semiolen in Florida ließ der Große Geist das Lehmmodell des ersten Menschen mangels Erfahrung zu lange im Feuer, so daß die Oberfläche verbrannte, rußig und krustig wurde. Ungewollt schuf er so die Schwarzen; sie gefielen ihm zwar nicht, aber er ließ sie am Leben. Bei einem erneuten Versuch verfiel er ins andere Extrem und brach den Brennungsprozeß zu früh ab, so daß sein Geschöpf zu fahl geriet: er hatte den Ahnherrn der Weißen erschaffen. Der entsprach zwar mehr seiner Vorstellung, aber doch nicht ganz dem, was ihm eigentlich vorschwebte. Also machte er sich ein drittes Mal an die Arbeit. Und nunmehr hatte er die Technik vollends im Griff - herauskam der rote Mensch, der genau die Mitte zwischen Schwarz und Weiß hielt. Mit ihm war ihm sein Meisterstück gelungen, ‚dieser gefiel ihm'." (Seite 206)

Wieso ist das interessant, wenn man sich mit Menschen mit Behinderung beschäftigt.
Menschen mit Behinderung fallen auf; sie entsprechen nicht dem "Normalen". Und gerade deswegen waren sie auch immer schon Gegenstand plausibler und weniger plausibler Theorien. Einige solcher Theorien führt Müller über Wechselbälge an: Diese missgestalteten, verkrüppelten Kinder waren irgendwie des Bösen; vermutlich entsprangen sie dem Beischlaf einer Frau - vielleicht selbst eine Hexe? - mit Dämonen oder dem Teufel selbst...

"Wenn den Geistern oder dem Bösen mal nicht nach Buhlen war, standen ihnen noch andere ‚Optionen' offen. Sie warteten die Geburt eines Kindes ab, griffen, eine Unachtsamkeit der Anwesenden nutzend, blitzschnell zu und tauschten das Neugeborene gegen einen eigenen Sprößling - oder auch lediglich beider Seelen - aus; [...] Verantwortungsbewusste Eltern trafen daher ihre Vorkehrungsmaßnahmen. Man [...] band Mutter und Kind abwehrkräftige Amulette um oder suchte die Geister auf andere Weise zu täuschen, indem die Eltern zum Beispiel die Kleider wechselten oder der Vater gar, wie das in weiten Teilen Europas, Asiens und Südamerikas Usus war, das Lager hütete und die Geburt, manchmal auch noch das Wochenbett simulierte (Couvade, bzw. ‚Männerkindbett'). Bei den Kaukasiern mit ihren ausgeprägten ritterlichen Traditionen zog es der Gatte [...] vor, während der kritischen Zeit, die Flinte schussbereit in der Hand, auf dem Dach des Geburtshauses Platz zu nehmen und gelegentlich, auch der Abschreckung halber, kräftig in die Nacht hinaus zu feuern." (Seite 46-47)


Müller geht es aber nicht nur um solche Theorien - denn aus solchen Theorien resultierten immer auch soziale Praktiken, soziale Räume und soziale Beziehungen. Also zum Beispiel das Phänomen, dass Herrscher neben sich einen Narren duldeten - gerade weil er verkrüppelt war und so die strahlende Erscheinung des Herrschers dem Volke nur noch deutlicher werden musste!


Wer solche Theorien mag, wer sich an solchen Erklärungen, Anekdoten und Fakten zu erfreuen mag, der wird sich in Müllers Buch vertiefen. Und in seine Sprache! Jede Menge solcher Anekdoten sind im "Krüppel" versammelt.
Schwer fällt es den roten Faden vor lauter Geschichtchen nicht zu verlieren! Und wer schnell meint: "Jetzt komm´ mal auf den Punkt!", der wird von Müller nicht wirklich gut bedient...


Verlag: C. H. Beck | Preis: 9,90 EUR | Rezensent: Markus Brück
Bewertung :

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Der Krüppel

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