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Rezensionen

Grundlagen

Maturana, Humberto R./ Valera, Francisco J.: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. München 1987

Der Baum der ErkenntnisDer Goldmann-Verlag ist ja berühmt für sein anspruchsvolles und hochwissenschaftliches Programm. Bei diesem auf den ersten Blick recht unscheinbaren Taschenbuch handelt es sich nun in gewisser Weise um die Bibel der modernen Heilpädagogik. Dies gilt insbesondere für die Geistigbehindertenpädagogik, in deren Reihen "Der Baum der Erkenntnis" auf geradezu euphorische Begeisterung gestoßen ist. Kaum ein namhafter Wissenschaftler unseres Faches, der sich bis heute nicht zumindest einmal bei der Begründung eines großartigen Gedankens auf Maturana/ Valera berufen hätte.

Warum ist das eigentlich so? Eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu finden fällt einigermaßen schwer. Beim "Baum der Erkenntnis" handelt es sich um ein Buch, in welchem sich die Autoren mit wichtigen Fragen ihrer Disziplin befassen. Und die ist mitnichten Heilpädagogik. Maturana und Valera sind von Beruf Neurobiologen. Naturwissenschaftler also, Wissenschaftler, die sich mit der Erforschung knallharter Fakten rühmen können. Bescheidenheit ist ihre Sache auch nicht, schon im Klappentext ist davon die Rede, dass durch dieses Buch "unser traditionelles Weltverständnis radikal umgewälzt [wird]".

Die beiden Autoren gehen der Frage nach, wie menschliches Erkennen eigentlich funktioniert. Sie kommen dabei auf Basis ihrer Auseinandersetzung mit den neurobiologischen Grundlagen menschlicher Wahrnehmung zu dem Schluss, dass die Menschen sich in einer Welt bewegen, die sie selbst immer wieder neu hervorbringen. Und zwar in gegenseitiger Interaktion. Von einer Wirklichkeit, die außerhalb und unabhängig unserer Wahrnehmung und aller Faktoren, die diese beeinflussen, existiert, kann nach Maturana und Varela also keine Rede sein. Da lacht natürlich das Herz eines jeden radikalen Konstruktivisten und das des Heilpädagogen lacht mit. Denn das, was Maturana und Varela so heraus finden, bleibt nicht ohne Folgen für das Verständnis von "Behinderung". Das gilt erst recht für das Verständnis des Phänomens "Geistige Behinderung". In der Geistigbehindertenpädagogik ist es Tradition, darüber zu debattieren, was denn nun eigentlich eine geistige Behinderung sei. Wer sich an dieser Debatte beteiligen möchte, muss einen ethisch-normativen Grundsatz beachten: Geistige Behinderung ist auf keinen Fall in irgendeiner Form auch nur in der Nähe dessen zu beschreiben, was gemeinhin als "Defekt" verstanden wird. Wer solches behauptet ist Mediziner oder Psychiater (die sind ja immer so defektologisch) oder tendiert sonstwie zu moralisch bedenklichem Gedankengut. Ein professioneller Geistigbehindertenpädagoge kennt sein Glaubensbekenntnis (eben das vorliegende Buch) und bezieht die darin vertretenen Ansichten konsequent in seine wissenschaftliche Arbeit ein. Und deswegen liegt auch all das, was als Behinderung aufgefasst wird, im Auge des Betrachters und die Erschwernisse, die mit ihr einher gehen, hat die Gesellschaft zu verantworten. Denn die hält sich noch nicht an das Fazit des vorliegenden Buches, welches lautet: "Wir haben nur die Welt, welche wir zusammen mit anderen hervorbringen, und nur Liebe ermöglicht uns, diese Welt hervorzubringen" (S. 268).

Soweit also das Credo der modernen Geistigbehindertenpädagogik, entnommen einem Buch zur Neurobiologie, welches auf Deutsch erstmalig 1987 erschien. Ganz schön alt eigentlich ... Besonders für ein naturwissenschaftliches Buch ... Werden da nicht ständig bestimmte Erkenntisse weiter entwickelt oder auch widerlegt? Entspricht ein Buch von 1987 eigentlich noch den aktuellen Erkenntnissen der Neurobiologie? Falls nicht, müsste die Geistigbehindertenpädagogik als Wissenschaft dann nicht eigentlich ihre Sprüche überprüfen ...? Mmmmmh ...

Jetzt mal im Ernst: "Der Baum der Erkenntnis" ist ein sehr lesenswertes Buch. Die Autoren bemühen sich darum, ihre sehr komplexen Gedankengänge möglichst transparent zu machen. Das gelingt ihnen auch gut. Außerdem lässt das Layout sehr viel Raum für eigene Anmerkungen, und zentrale Aussagen werden immer hervorgehoben. Für den für meine Begriffe viel zu kritiklosen Umgang mit diesem Werk in der Heilpädagogik (besonders in der Geistigbehindertenpädagogik), kann das Buch schließlich nichts ...


Verlag: Goldmann | Preis: 8, 00 EUR | Rezensent: Tim Bendokat
Bewertung :

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Der Baum der Erkenntnis

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