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Rezensionen

Montessori-Pädagogik

Hedderich, Ingeborg: Einführung in die Montessori-Pädagogik. München 2001

Einführung in die Montessori-PädagogikEin Einblick in die Theorie und Praxis der Montessori-Pädagogik ist eigentlich ein Muss für jede Sonderpädagogin, jeden Sonderpädagogen, denn deren zentrale Fragestellung ist auch für die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen nach wie vor aktuell: Wie lässt sich in einer Pädagogik, die auf Persönlichkeitsbildung des Menschen ausgerichtet ist, das richtige Maß an Selbständigkeit und Unterstützung realisieren?
Daher ist diese Einführung - eine wirkliche "Einführung", denn sie setzt keine Vorkenntnisse voraus - hilfreich, die von der Autorin, Hochschullehrerin für Heil- und Sonderpädagogik an der FH Magdeburg, bereits unter sonderpädagogischem Blickwinkel verfasst wurde. Sie will nicht "bekehren", blickt eher von außen auf ihren Gegenstand und bewahrt eine kritische Distanz.
Die Darstellung ist sehr breit angelegt. Sie geht aus von einer Kurzbiographie Montessoris, umreißt ihren anthropologischen Ansatz und ihre Erziehungskonzeption und stellt im Kapitel 5 die Arbeit mit dem Montessori-Materialien vor. In diesem Teil - er umfasst ca. ein Drittel des gesamten Buches - wird anschaulich, mit vielen Fotos und detaillierter Beschreibung, der Umgang mit dem Sinnesmaterial und einer exemplarischen Auswahl des Mathematik- und Sprachmaterials dargestellt, aber auch zum kreativen Materialumgang angeregt. Im Weiteren wird ein Einblick in die Arbeit von Montessori-Einrichtungen gegeben und die Aktualität Montessoris im Zusammenhang mit "Offenem Unterricht", speziell auch in der Sonderschule und im Gemeinsamen Unterricht, aufgezeigt. In einem angefügten Materialteil findet sich neben einem kleinen Glossar und einigen kurzen Auszügen aus dem Werk Montessoris eine Auflistung der Montessori-Materialien und ein kommentierter Literaturüberblick.
Nun ja, dieses Buch hätte noch besser sein können. Manche Ausführungen wiederholen sich, dagegen werden viele Gesichtspunkte und Fragen nur angerissen. Einige Aussagen - auch zur kritischen Würdigung - sind nachvollziehbar, aber nicht deutlich belegt. Der Versuch z.B., Parallelen zwischen der "Polarisation der Aufmerksamkeit" bei Montessori und dem "Flow"-Phänomen Csikszentmihalyis, zwischen dem Kind als "Baumeister seiner selbst" und der "Autopoiese" Maturanas und Varelas herzustellen, bleibt sehr vage.
Vieles, was seine Wurzeln in der Reformpädagogik der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hat, erscheint uns heute im pädagogischen Denken und in der Praxis als Selbstverständlichkeit, sieht sich aber auch einer berechtigten Kritik ausgesetzt, z.B. wenn Freie Arbeit mit Beliebigkeit verwechselt wird, wenn Kriterien fehlen, um aus der Fülle der heute verfügbaren Medien auszuwählen, wenn die Qualität des Arbeitsmaterials nicht mit gleicher Sorgfalt bedacht wird wie z.B. bei Montessori. Besonders verantwortungsbewusst muss dies gerade in der Arbeit mit behinderten Kindern beachtet werden. Ein Zurückgehen zu den Quellen kann da nicht falsch sein. Sollte dieses Buch den einen oder anderen dazu anregen, diesen Weg zu beschreiten, hätte es einen guten Zweck erfüllt.

Aus: Sonderpädagogische Förderung in NRW, H. 3/2001


Verlag: Reinhardt | Preis: 16, 90 EUR | Rezensent: Klaus Beyer-Dannert
Bewertung :

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Einführung in die Montessori-Pädagogik

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